Gender und Bildung, Frauenstudien und Frauenbildung

Für eine genderbewusste Religionspädagogik der Vielfalt

Annebelle Pithan

Eine Kernaufgabe öffentlicher Bildung ist, Menschen für das Leben in einer von Vielfalt geprägten Gesellschaft zu befähigen. Weltanschauliche, religiöse, ethnische und soziale Unterschiede sind ebenso wie Geschlechterdifferenzen oder körperliche und geistige Lernvoraussetzungen Merkmale pädagogischen Alltags. In der Schulpädagogik wird diese Ausgangssituation seit einigen Jahren unter dem Begriff „Heterogenität“ diskutiert. Dieser Diskurs greift die unterschiedlichen Hintergründe von Lernenden bei der Strukturierung von Lehr-Lern-Situationen positiv auf und führt bisher segmentierte Diskurse zusammen. Heterogenität ist Ressource, nicht Problem.

In der Religionspädagogik wurden Ansätze ökumenischen, interreligiösen, interkulturellen, globalen und integrativen Lernens entwickelt. Die Kategorie Gender fand hierbei bisher keine systematische Beachtung. Parallel entstanden mit feministischer Pädagogik und Theologie geschlechterbezogene Fragestellungen, die jedoch selten auf andere Kategorien wie Lebenslagen, Lernvoraussetzungen bezogen sind. In Zukunft wird es darauf ankommen, diese an Heterogenität orientierten Ansätze zusammenzuführen und Modelle zu entwickeln, die einen konstruktiven Umgang mit Differenzen ermöglichen. Im Anschluss an die „Pädagogik der Vielfalt“ von Annedore Prengel geht es darum, Differenzen und Gerechtigkeit als grundlegende Dimensionen von Religionspädagogik wahrzunehmen und eine „Pädagogik der intersubjektiven Anerkennung zwischen gleichberechtigten Verschiedenen“ (Prengel) zu entwickeln.

In jüngster Zeit ist begonnen worden, die unterschiedlichen Heterogenitätsdebatten aufeinander zu beziehen. Der programmatische Begriff Intersectionality/Intersektionalität beschreibt die beabsichtigte Vernetzung. Welches die zentralen Kategorien sind oder welche relevanten Gleichheiten und Differenzen man unter der Bedingung der Anerkennung von Vielfalt definiert, wird diskutiert. Leslie McCall geht davon aus, dass gesellschaftliche Beziehungen durch Ungleichheit (z.B. Ethnie, Geschlecht) und Ungerechtigkeit geprägt sind. Eine Analyse sollte zunächst wenige, z.B. zwei strukturelle Kategorien aufeinander beziehen, wobei zu berücksichtigen ist, dass sie sich fortlaufend verändern, Unschärfen aufweisen und durch andere Merkmale zu kontrastieren sind.

Auf dem Weg zu einer genderbewussten Religionspädagogik der Vielfalt ist Intersektionalitätsforschung ein dringendes Desiderat. Eine Religionspädagogik, die Bildungsgerechtigkeit anstrebt, wird z.B. fördernde und beeinträchtigende Strukturmerkmale betrachten. Inklusion und Exklusion in Bildungsprozessen wäre am Beispiel von Menschen mit sogenannten Behinderungen aufzugreifen. Hierzu ließen sich etwa die Kategorie Geschlecht in Beziehung setzen, indem z.B. gefragt wird, ob es besondere Strategien oder Schwierigkeiten von Mädchen bzw. Jungen gibt, mit integrativen Unterrichtssituationen umzugehen. Aufschlussreich ist es auch, die Kategorie Geschlecht mit der sozialen Herkunft zu korrelieren. Welche Geschlechtervorstellungen werden tradiert, welche erweitert? Und: Wie wirkt dieses im Blick auf die religiöse Orientierung? Mit der Kombination unterschiedlicher Kategorien kann auch Herausforderungen begegnet werden, die sich in zunehmenden Retraditionalisierungstendenzen zeigen. So ist etwa die biologistische Festschreibung der Geschlechter mit gesellschaftlichen Milieus zu kontrastieren. Eine vermeintlich biblische Zuschreibung zu den Geschlechtern wäre mit religiösen Milieus zu korrelieren.

Das Comenius-Institut beteiligt sich an der Entwicklung einer „Religionspädagogik der Vielfalt“ und erarbeitet Grundlagen für eine pluralitätsbewusste und geschlechterreflektierende religiöse Bildung. Zwei Projekte des Comenius-Instituts leisten dazu Beiträge. Ein von Annebelle Pithan, Silvia Arzt, Monika Jakobs und Thorsten Knauth herausgegebenes Überblickswerk zahlreicher AutorInnen greift die Genderdimension im Zusammenhang religiöser Bildung auf und entwirft Perspektiven einer Religionspädagogik der Vielfalt. Es bündelt den Stand der feministischen und genderbezogenen Forschung sowie notwendiger Zukunftsaufgaben. In interkonfessioneller Perspektive werden grundlegende Entwicklungen skizziert, Theoriedebatten zusammengefasst und innovative Ansätze in für Gender, Religion und Bildung relevanten Theorie- und Praxisfeldern vorgestellt. Dabei verknüpfen einzelne Beiträge die Genderkategorie mit anderen Heterogenitätsdiskursen, wie interreligiöser Dialog, sexuelle Orientierungen und soziale Lage.

Ein zweites Projekt fokussiert den Bildungsort Religionsunterricht und zielt auf eine Professionalisierung im Umgang mit der Geschlechterdimension: etwa in den sich bildenden und wandelnden Geschlechteridentitäten der SchülerInnen und LehrerInnen, in geschlechtsspezifischen Vorstellungen in Gesellschaft und Kirche, in als männlich und weiblich konnotierten Entwicklungsaufgaben und Sozialisationsanforderungen sowie in Materialien und Unterrichtsinhalten, die unreflektierte Geschlechterund Gottesvorstellungen vermitteln. Ein Symposium „Geschlechter bilden. Perspektiven für einen genderbewussten Religionsunterricht“, das im Mai 2009 in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle Feministische Theologie und Genderforschung der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster stattfand, verdichtete diese Fragen für TeilnehmerInnen aus Schule, Fortbildung und Universität.

Beide Projekte machen deutlich: Die Veröffentlichungen zu Geschlechterfragen in der Religionspädagogik stellen Wissen und Anregungen für Aus- und Fortbildung bereit, das kritisch weiterzuführen ist. Darüber hinaus ist der Genderdiskurs mit anderen an Differenz und Heterogenität orientierten Ansätzen zu verknüpfen. Das Comenius-Institut wird sich an der Entwicklung einer genderbewussten Religionspädagogik der Vielfalt mit weiteren Beiträgen beteiligen.

CI-Informationen 2009/2

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